Aufführung News 2010 Theater

Vom Stehgreif ins Irrenhaus

Eigentlich hatten sie ein halbes Jahr lang Improvisationstheater gelernt – nun spielten sie am Ende doch ausgeschriebene Szenen: „Madhouse“, „Irrenhaus“ nannten die Abiturienten Ihre Abschlußpräsentation, die aber stellenweise nicht weniger anarchisch wirkte, als sie im Stehgreif hätte sein können.

Madhouse

„Madhouse“ erfordert gedakliche Präzision

Da verirren sich Spione in immer absurderen Spiralen ihres eigenen Geheimcodes, da verfängt sich eine Staatsanwältin in einem einzigen Wort, das sie binnen kurzem in den Wahnsinn treibt – oft geht es um Sprache in diesen Kabinettstückchen des Absonderlichen, die der Feder des Briten Ken Campbell entstammen. Nicht ganz einfach, miteinander zu reden, wenn der Eine immer vergißt, was er gerade gesagt hat, und der Andere immer das sagt, was der Erste geantwortet hätte; Peggy Sue Bergmann und Lisa Schuldt bestechen gleich zu Anfang mit erstaunlicher gedanklicher Präzision – nicht nur, wenn sie plötzlich eine ganze Passage lang gemeinsam sprechen.

Bejubelte Sozialstudie – Theater nah am Stadtteil

Bemerkenswert auch Ali Sami Karaimamoglu, wenn er seiner Ärztin unter vollem Körpereinsatz zu erklären versucht, wie er daran verzweifelt, daß ihm die Definition alltäglicher Dinge abhanden kommt: „Wenn ich hüpfe, bin ich dann ein Frosch? Und wenn ich nicht hüpfe – bin ich dann ein Frosch, der gerade nicht hüpft??“ Ein anderes Problem haben Merve Özbudakci und Zellal Dogan als dieselbe Frau, die feststellen muß, daß es sie – unsichtbar für die jeweils andere – doppelt gibt. Dogan liefert auch eine bejubelte Sozialstudie als Osdorfer Hochhausqueen mit Migrationshintergrund, die eine Selbstmörderin vor dem Absprung mit makabrer Unverfrorenheit um die letzten Wertsachen bringt.

Philosophisch Komisch mit großem Beifall

So spannt sich der Bogen dieses kurzweiligen Programms von derb-komischem Blödsinn bis zu fast philosophischen Höhen, frei nach dem Motto: „Was ist Wirklichkeit in diesem Spiegelkabinett?“ Unter der Leitung von Christoph Gottschalch ist das dramatische Potential der Textvorlage vielleicht nicht immer ganz ausgeschöpft, aber Spielfreude, Mut und waches Zusammenspiel der SchülerInnen beeindrucken. Und wenn am Ende ein smarter Cowboy das spießige Leben eines Vorstadtehepaares erfolgreich auf den Kopf gestellt hat, mündet der Abend in einer grotesken Schlusschoreographie des ganzen Ensembles in Arztkitteln, der Olga Weber playback ein i-Tüpfelchen aufsetzt. Großer Beifall für den zweiten Beitrag zur Schultheatersaison am Rispenweg – man darf auf Weiteres gespannt sein!

(Ch. Gottschalch)